Eine weiblich gelesene Person mit hellblauem Pullunder liegt auf einem Sofa und lächelt in die Kamera.
Marie Nasemann
Kundenmagazin Winter 2021

Interview mit Marie Nasemann

Dein Buch heißt „Mein grüner Kompromiss“. Warum müssen wir beim Thema Nachhaltigkeit überhaupt Kompromisse machen?

Ich glaube, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als Kompromisse einzugehen. In dem Moment, in dem wir auf die Welt kommen, verbrauchen wir die Ressourcen dieses Planeten. Insgesamt brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, Kompromisse einzugehen, als ein paar wenige, die alles perfekt machen.

Den eigenen Konsum zu reduzieren, wird oft mit Verzicht in Verbindung gebracht. Wie sind Deine Erfahrungen?

Natürlich heißt weniger zu konsumieren, auf Dinge zu verzichten. Aber dieser Verzicht kann auch befreiend sein und sich gut anfühlen. Man kann aber auch nachhaltiger leben, ohne dass sich das Leben als Verzicht anfühlt. Lebensfreude, Glück, Spaß und Nachhaltigkeit können zusammen funktionieren. Aber nur, wenn wir nicht anfangen, uns miteinander zu vergleichen und die Fehler bei anderen zu suchen.

Insgesamt brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, Kompromisse einzugehen, als ein paar wenige, die alles perfekt machen.

Portrait Marie Nasemann Marie Nasemann

Du inspirierst viele Menschen, ihren Konsum zu hinterfragen. Reicht eine Veränderung des Kaufverhaltens, um die Textilindustrie zum Umdenken zu bewegen?

Jeden Tag bestimmen wir mit unseren Kaufentscheidungen die Zukunft, in der wir leben wollen. Natürlich kann sich nicht jede*r Bio-Lebensmittel und faire Mode leisten, aber viele Menschen können bewusster und weniger kaufen. Sie haben so mehr Möglichkeiten, gute Produkte zu kaufen, für die weder Mensch, noch Tier oder der Planet gelitten haben. Gleichzeitig glaube ich, dass wir auch verbindliche Gesetze brauchen. Die Bundesregierung hat mit dem Lieferkettengesetz einen guten Anfang gemacht. Es ist ein Signal an Unternehmen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ich hoffe aber, dass es zukünftig ausgebaut und noch deutlich strikter wird.

Du unterstützt den Verein „Fashion Revolution“, der mit der Kampagne „Who made my clothes?“ mehr Transparenz und sicherere Arbeitsbedingungen für Textilarbeiter*innen fordert. Wieso?

Seit vielen Jahren setzt sich Fashion Revolution für mehr Aufklärung in der Textilindustrie ein. Die Branche ist einfach zu intransparent. Der schöne Schein, der mit unfassbar teuren Marketingkampagnen vermittelt wird, verschleiert, wie dreckig und unfair diese Branche wirklich ist. Mehr Bewusstsein und Wissen können hoffentlich dazu führen, dass mehr Menschen bewusstere Kaufentscheidungen treffen.

Was war Deine Motivation, einen Blog zu starten und ein eigenes Buch zu schreiben?

Mein Blog fairknallt.de war die logische Konsequenz, um mein gesammeltes Wissen über faire und nachhaltige Mode zu teilen. Es ist wirklich unmöglich, dass sich jede*r Verbraucher* in selbst in dieses komplexe Thema einarbeitet. Ich möchte meinen Leser*innen diese komplizierte Recherchearbeit abnehmen und zeigen, wie schön und abwechslungsreich faire Mode sein kann. Mein Buch resultierte dann aus den verschiedenen Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren im Bereich Nachhaltigkeit gemacht habe.

Auf Deinem Blog gibt es eine Liste nachhaltiger Marken, die Du empfiehlst. Welche Kriterien muss ein Unternehmen erfüllen, um auf diese Liste zu kommen?

Im besten Fall lässt das Label unter fairen Bedingungen nachhaltig Kleidung produzieren, aus wiederum nachhaltigen Materialien. Nicht jede der Brands ist 100 Prozent perfekt, aber allesamt sind auf einem super Weg und tun weitaus mehr als konventionelle Modemarken. Ich beobachte immer den langen Weg einer Marke. Was ist in der Vergangenheit passiert, was plant die Brand für die Zukunft? Sind die Nachhaltigkeitsziele wirklich ambitioniert und realistisch oder handelt es sich nur um Greenwashing?

In Deinem Buch schreibst Du, dass Du gerne selbst Mode entwerfen würdest. Wieso hast Du noch keine eigene Kollektion?

Es braucht keine nächste „Influencer*innen-Kollektion“, die sich nur auf einzelne Aspekte - wie Style, Qualität, Nachhaltigkeit oder faire Produktionsverhältnisse - fokussiert. Wenn, dann muss alles stimmen und das ist wirklich extrem schwierig. Bis jetzt habe ich keinen geeigneten Partner dafür gefunden, der meinen Ansprüchen genügt und mir ausreichend zufriedenstellende Informationen liefern kann.

Viele Menschen kennen die Missstände in der Textilproduktion. Wie können sie aus Deiner Sicht vom Wissen zum Handeln gebracht werden?

Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich nicht zu hohe Ziele setzt. Ähnlich wie beim Sport. Den sollte man auch mit überschaubaren, machbaren Zielen beginnen und nicht von heute auf morgen einen Marathon laufen wollen. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten in puncto Ernährung, Konsum, Wohnen, Mobilität und Reisen ist ein guter Start. Dann kann man sich detailliert überlegen, in welchem Bereich man sich ein wenig einschränken könnte, ohne dass man sich der eigenen Freiheit oder Lebensfreude beraubt fühlt.

In Deinem Buch hinterfragst Du viele Deiner (alten) Verhaltensmuster und suchst Ursachen in Deiner Kindheit und Jugend. Was machst Du heute anders als Deine Eltern?

In Sachen Umweltschutz kann man nicht pauschal sagen, ob nun junge oder alte Menschen engagierter sind. Statistisch ist das ziemlich ausgeglichen. Ich versuche einfach, die Verhaltensmuster und Gewohnheiten meiner Familie zu erkennen und zu hinterfragen. Muss es wirklich das eigene Auto sein, weil es irgendwie zum Erwachsensein und Erfolgreichsein dazugehört? Ist der Braten an Weihnachten unersetzlich oder kann ich vielleicht für meine eigene Familie eine neue Weihnachtstradition erschaffen? Ich glaube, junge Menschen beschäftigen sich nochmal anders mit der Klimakrise, weil sie direkter davon betroffen sind. Ich bin definitiv aktivistischer und politischer als meine Eltern. Aber es war vermutlich immer so, dass eher die „jungen Wilden“ auf die Barrikaden gegangen sind.

Was hat sich in Deinem Leben verändert, seitdem Du Dich für faire Mode einsetzt?

Ich lebe definitiv ein glücklicheres Leben. Vorher habe ich die Augen vor all dem Leid in der Welt verschlossen. Mein Leben hat sich dadurch irgendwie eintöniger, belangloser und dumpfer angefühlt. Nun sehe ich das Leid und die katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise und das macht mich oft traurig und wütend. Aber gleichzeitig empfinde ich auch viel mehr Freude an schönen materiellen und nicht-materiellen Dingen und es fühlt sich verdammt gut an, jeden Tag dazu beizutragen, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Ich kann mit wachem Blick und gutem Gewissen durchs Leben gehen. Und das fühlt sich sehr gut an.

Immer mehr Weltläden bieten faire Mode an. Welchen Bezug hast Du zu Weltläden und zum Fairen Handel?

Weltläden sind ja sozusagen der Ursprung der fairen Mode in Deutschland. Echte Pioniere. Es braucht mehr Läden, die so viele Informationen bereitstellen wie Weltläden. Mit geschultem Personal, das auch Rückfragen beantworten kann. Ich glaube, dass es wichtig ist, mehr über die Hintergründe von Produkten zu sprechen und dass wir uns als Kund*innen auch trauen, Fragen zu stellen.

Das Interview führten Nadine Busch und Svenja Lambert (Weltladen-Dachverband).


Buchempfehlung

Im Mai 2021 ist das Buch „Fairknallt – Mein grüner Kompromiss“ von Marie Nasemann erschienen. Darin erzählt sie anhand vieler persönlicher Geschichten, wie sie versucht, ihren eigenen grünen Kompromiss zu leben. Weitere Informationen unter fairknallt.de

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Stand: 01/2021

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