Regenwälder am Oberlauf des Rio Purus, einem der großen Nebenflüsse des Amazonas
Regenwald-Institut
Kundenmagazin Frühjahr 2020

Amazonas-Regenwald: Schutz durch nachhaltige Nutzung

„Der Amazonas brennt“ oder „Regenwälder am Amazonas in Flammen“ – so oder so ähnlich lauteten die Überschriften in vielen Medienberichten im Herbst 2019. Zwei Wochen lang war die bedrohliche Situation der Amazonaswälder und deren Bedeutung unter anderem für das Weltklima in den Medien präsent.

Zu verdanken hatten wir dies einem schwedischen Teenager. Durch Greta Thunberg erhielten die Regenwälder kurzfristig die Wichtigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung, die ihnen immer entgegengebracht werden müsste.

Auch wenn die Waldzerstörung am Amazonas aktuell flächenmäßig die geringste seit vielen Jahren ist, gingen im Jahr 2018 immer noch 7.500 Quadratkilometer Regenwald verloren. Das sind über eine Million Fußballfelder. In den „Spitzen“-Jahren 1995, 2003 und 2004 wurden jeweils knapp 30.000 Quadratkilometer zerstört. Nur hat das damals die Öffentlichkeit nicht interessiert [1].  

Regenwald unerlässlich für das Ökosystem Erde

Bis Anfang der 1970er Jahre gab es am Amazonas praktisch noch keine nennenswerte Waldzerstörung, so dass sich die Regenwälder über eine Fläche von ca. sieben Millionen Quadratkilometern erstreckten – eine Fläche, die ganz Mitteleuropa bis an den Ural entspricht.

Geschätzt beherbergen die tropischen Regenwälder etwa drei Viertel aller auf der Erde vorhandenen Tier- und Pflanzenarten. Viele dieser Arten sind bis heute unbekannt, nur wenige Prozent sind bislang wissenschaftlich erforscht. Trotzdem werden aus diesen tropischen Pflanzen bereits mehr als ein Viertel unserer rezeptpflichtigen Medikamente hergestellt [2].

Der Regenwald am Amazonas bindet bis zu 200 Milliarden Tonnen CO2 – zum Vergleich: In deutschen Wäldern sind gerade einmal eine Milliarde Tonnen gebunden [3, 4]. Außerdem beeinflusst der Regenwald weltweit das Wetter und die Niederschlagsverteilung. Die Regenwälder erbringen unschätzbare Dienstleistungen für das gesamte Ökosystem Erde und letztlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Und das auch noch völlig kostenlos.

Zerstörung des Regenwaldes hat dramatische Folgen

Bis heute sind etwa 25 Prozent der amazonischen Regenwälder unwiederbringlich zerstört. In der Ökologie spricht man über so genannte „Kipppunkte“. Das sind Ausmaße der Zerstörung, bei deren Erreichen sich das Ökosystem nicht mehr selbst erhalten kann und in der Folge zusammenbricht.

So gibt es auch für den Amazonasregenwald einen „Kipppunkt“. Die Forschung legt den Kipppunkt für Amazonien auf 40 Prozent. Wenn also 40 Prozent der Regenwälder am Amazonas zerstört sind, sind sie in ihrer Gänze nicht mehr überlebensfähig. Sie verwandeln sich in eine Savanne oder in Halbwüsten.

Schon jetzt ist die Welt dabei, aus den Fugen zu geraten: Hitzerekorde in Deutschland im Juni, Rekordschmelze der arktischen Eisschilde, Auftauen der sibirischen Permafrostböden. Mit den daraus resultierenden Methan-Emissionen wird die Klimakatastrophe nur schwer aufzuhalten sein [5].

Wer besonders unter dem Klimawandel leidet, sind die größten zusammenhängenden Regenwaldgebiete unserer Erde am Amazonas. Ein Ökosystem, das man bisher allein aufgrund seiner Größe als stabil und vor allem weitgehend immun gegen den Klimawandel eingestuft hat. Wir müssen leider gerade lernen, dass das alles andere als zutreffend ist.

In den letzten 15 Jahren gab es in einigen Regionen Amazoniens drei (!) Jahrhundert-Hochwasser und ebenso viele Dürren [Regenwald-Institut, unpublizierte Aufzeichnungen und Beobachtungen]. Niemand weiß, wie die Wälder mit ihren einzigartigen und komplexen Lebensgemeinschaften auf diese Extreme mittel- und langfristig reagieren.

Zwei Drittel des gefährdeten Amazonasregenwaldes sind in Brasilien

Die Gründe für die Regenwaldzerstörung sind vielfältig, beruhen aber immer auf wirtschaftlichen Interessen und der Gier Einzelner. Aktuell der wichtigste Mann bei der Regenwaldzerstörung und dem Klimawandel ist der umstrittene brasilianische Präsident Jair Messias Bolsonaro.

Er hat die Macht über mehr als zwei Drittel des Amazonaswaldes, ohne dessen Bestand wir gar nicht anfangen müssen, das Klima zu retten. Für Bolsonaro ist der Amazonaswald ein gigantisches Hindernis bei der wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens und er billigt nicht nur seine Abholzung, sondern fordert sogar dazu auf.

Gründe für die Regenwaldzerstörung sind vielfältig

Sojaanbau ist aktuell der Abholzungsgrund Nummer eins am Amazonas [6]. Für den Sojaanbau werden gigantische Flächen gerodet. Ein Großteil dieses genmanipulierten Sojas landet auch bei uns – als Futter für unsere Masttiere. Viehzucht am Amazonas ist ein weiteres wichtiges Thema bei der Regenwaldzerstörung.

In Zeiten des Biosprits wird auch der Anbau von Rohrzucker ein zunehmend wichtiger Grund der Abholzung sowie in neuerer Zeit auch die Anlage von Palmölplantagen. Dazu kommen illegale Holzfällungen, Goldminen und Bergbaukonzerne.

Schutz des Regenwaldes durch Wertschätzung

Grundsätzlich müssen wir uns im Klaren darüber sein, dass der Wohlstand und Lebensstandard im Globalen Norden letztlich auf der seit Jahrhunderten andauernden, systematischen Ausbeutung der Länder des Globalen Südens beruht. So verschlingt vor allem der Lebensstandard Europas und Nordamerikas die globalen natürlichen Ressourcen 1,75 Mal schneller als sie sich neu bilden können [7].

Dass die für uns existentiellen, menschenfreundlichen Lebensbedingungen auf der Erde bis heute existieren, verdanken wir zu einem Großteil den Regenwäldern. Den politisch Verantwortlichen muss klar sein, dass der Wert von intakten Regenwäldern um ein Vielfaches höher ist als die einmalige Rodung und die daraus resultierenden kurzzeitigen Nutzungsmöglichkeiten und finanziellen Einnahmen.

Es geht also um die generelle Wertschätzung der Regenwälder und um eine In-Wert-Setzung der bestehenden im Besonderen. Aus unserer anthropogenen Weltanschauung müssen die Wälder realistischer Weise auch einen nennenswerten wirtschaftlichen Nutzen liefern. Der einzige dafür gangbare Weg liegt in der nachhaltigen Nutzung der Regenwälder.

Mit Sanktionen wird man Bolsonaro und die Abholzung nicht stoppen können. Er wird sich nicht erpressen lassen. Er muss davon überzeugt werden, dass der (ökonomische) Wert eines intakten Regenwaldes um ein Vielfaches höher ist als seine Abholzung und der zeitlich eng befristete Anbau von beispielsweise Soja.

Dazu braucht es ein Investitionsprogramm des Globalen Nordens in eine „In-Wert- Setzung“ des Amazonaswaldes, das Brasilien die Hoheit über die Ergebnisse garantiert. Gefragt sind Investitionen von Politik und Wirtschaft in die Produktentwicklung aus Regenwaldrohstoffen – zum Beispiel in die chemische, pharmazeutische und kosmetische Aufarbeitung und Erforschung von Pflanzenextrakten, Ölen und Harzen.

Nachhaltige Nutzung der Regenwälder durch Fairen Handel

Will man den Regenwald ökonomisch und nachhaltig nutzen, geht das nur in enger Zusammenarbeit mit den traditionellen Bevölkerungsgruppen, die im und von den Regenwäldern leben. Sie sind der Schlüssel für einen dauerhaften Schutz und Erhalt der Wälder. Wenn der Wald sie ernährt, dann ist das auch die beste Rückversicherung für den Bestand des Waldes.

Und hier kommt der Faire Handel als entscheidender Faktor ins Spiel. Er kann für eine verlässliche Abnahme der Waldprodukte sorgen. Dies sind Nicht-Holz-Produkte wie zum Beispiel Kakao, Samen oder Öle.

Im Idealfall werden vor Ort verkaufsfertige Endprodukte hergestellt, verpackt und etikettiert. Denn nur so lässt sich lokal „Wert schöpfen“, was den Menschen ein würdiges Einkommen verschafft. Der Verkauf von Rohstoffen ist und war Grundlage der seit Jahrhunderten andauernden Ausbeutung der Länder des Globalen Südens.

In Weltläden gibt es deshalb Produkte wie Schokolade, Schmuck oder Kosmetik, die aus Rohstoffen des Regenwaldes bestehen und von traditionellen Bevölkerungsgruppen lokal hergestellt wurden.
 

Dr. Rainer Putz


ZUR PERSON

Der Biologe Dr. Rainer Putz kam im Jahr 1992 im Rahmen eines Post-Doc-Forschungsauftrags für die Max-Planck-Gesellschaft erstmals mit den Problemen Amazoniens in Kontakt. Nach seiner Rückkehr hat er 1997 das Regenwald-Institut e.V. und 2002 den Regenwaldladen gegründet – jeweils mit der Zielsetzung, angewandten Regenwaldschutz zusammen mit der traditionellen Bevölkerung zu betreiben.


Quellen:

[1] www.inpe.br/noticias/noticia.php?Cod_Noticia= 5138

[2] www.planet-wissen.de/natur/landschaften/regenwald/index.html

[3] www.spiegel.de/wissenschaft/natur/amazonas-waelder-nehmen-weniger-treibhausgas-co2-auf-a-1024299.html

[4] www.carbon-connect.ch/de/klimalounge/news-detail/ 143/co2-speicherkapazitaet-der-regenwaelder-laesstnach-der-wald-sieht-rot-teil-1/

[5] Knoblauch, C., Beer, C., Liebner, S., Grigoriev, M.N., Pfeiffer, E.-M., 2018. Methane production as key to the greenhouse gas budget of thawing permafrost. Nature Climate Change, DOI: https://doi.org/10.1038/s41558-018-0095-z

[6] www.observatoriodoclima.eco.br/avanco-da-sojaem-areas-de-desmatamento-na-amazonia-e-o-maior-emcinco- anos/

[7] www.overshootday.org/newsroom/press-release-june-2019-german/

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