Zwei Kinder laufen durch ein Reisfeld, jedes trägt ein Bündel Reispflanzen auf der Schulter
Ariel und Dina Denaque ernten Reis auf den Philippinen. | Bild: Helge Bendl/Brot für die Welt
Kundenmagazin Winter 2021

Ausbeuterische Kinderarbeit abschaffen: Systemwandel ist notwendig

Autorin: Ina Thomas

Wann ist Kinderarbeit Ausbeutung?

Es macht einen Unterschied, ob Kinder nach der Schule Zeitungen austragen oder ob sie schwere Arbeiten verrichten, die ihre mentale und physische Gesundheit aufs Spiel setzen. In letzterem Fall wird von ausbeuterischer Kinderarbeit gesprochen. Ausbeutung findet in unterschiedlichem Ausmaß statt. Sei es, wenn Kinder ungeachtet ihres Alters lange Zeiten am Stück arbeiten, sie nicht vor Gefahren wie Giftstoffen geschützt oder sie zur Prostitution gezwungen werden. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), ein Zusammenschluss aus Regierungen, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften, hat bereits 1999 einen Referenzrahmen geschaffen: das Übereinkommen über das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit. Schuldknechtschaft, Sklaverei, Kinderhandel, Zwangspornografie und -prostitution sowie Kriminalität und die Arbeit als Kindersoldat*innen werden als schlimmste Formen ausbeuterischer Kinderarbeit definiert.

Kinderarbeit im Jahr 2021

Ursprünglich war es das Ziel der Vereinten Nationen (UN), die ausbeuterische Kinderarbeit bis zum Jahr 2021 abzuschaffen. Ausgerechnet jetzt zeigen die neuesten Zahlen jedoch, dass die Kinderarbeit wieder zugenommen hat. Ausbeuterische Kinderarbeit werde in diesem Jahr nicht mehr beendet werden können, stellt auch Thomas Antkowiak, Geschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR, fest: „Schon jetzt hat die Staatengemeinschaft ihr Ziel auf 2025 verschoben. Wie so oft werden Ziele einfach nach hinten verlegt, wenn sie nicht eingehalten werden können. Im Jahr 2000 arbeiteten rund 220 Millionen Kinder. Internationale Bemühungen zeigten erste Wirkungen. Vor Beginn der Corona-Pandemie in 2020 arbeiteten noch rund 152 Millionen. Die neuesten Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation zählen 160 Millionen arbeitende Kinder, darunter 79 Millionen unter ausbeuterischen Verhältnissen, also jedes zehnte Kind auf der Welt.“

Kinder arbeiten vor allem in der Landwirtschaft

70 Prozent der ausbeuterischen Kinderarbeit weltweit findet in der Landwirtschaft statt. Kinder werden im Kakao- und Tabaksektor, in der Fischerei oder auf Baumwollplantagen als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Andere arbeiten in Goldminen und Steinbrüchen oder knüpfen Teppiche. Hinzu kommen noch Kinder, die im Dienstleistungssektor beschäftigt sind, beispielsweise als Rikschafahrer*innen oder Reinigungskräfte.

Wir laufen Gefahr, diese Generation von Kindern zu verlieren, denn wenn Kinder schon in so jungem Alter auf eine ausreichende Schulbildung verzichten müssen, lässt sich das später nur schwer aufholen.

Portrait Thomas Antkowiak ist Geschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR. Thomas Antkowiak ist Geschäftsführer des Werks für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR.

Besonders betroffen sind Kinder zwischen fünf und elf Jahren

Während sich die Lage in Asien und Lateinamerika weiter verbessert hat, wurde die Situation vor allem in Subsahara-Afrika schlechter. Generell sind Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren besonders betroffen. Fast 90 Millionen sind in Landwirtschaft, Dienstleistungssektor und Industrie tätig. 26 Millionen davon arbeiten in ausbeuterischen Verhältnissen.

Die Corona-Pandemie hat die wirtschaftliche Lage von Familien in vielen Fällen verschlimmert und die schulische Bildung erschwert. Es wäre allerdings falsch, die Virus-Krise als einzige Ursache für die angespannte Lage zu nennen. Aus vielen Wirtschaftsbereichen wird gemeldet, dass die Zahl der arbeitenden Kinder schon vor COVID-19 erheblich gewachsen ist. So hat unter anderem die Kinderarbeit im westafrikanischen Kakaosektor stark zugenommen. Fast 2,2 Millionen Kinder sind laut der Universität von Chicago in diesem Bereich beschäftigt. Das sind eine halbe Million Kinder mehr als im Jahr 2017.

Inwieweit ausbeuterische Kinderarbeit in nächster Zeit eingedämmt werden kann, ist leider ungewiss. Spätestens im Jahr 2030 sollen alle 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, auf die sich die UN im Jahr 2015 geeinigt haben, erreicht sein. Die Ausbeutung von Kindern als Arbeiter*innen ist ein Unterziel dieser Ziele.

Worauf Verbraucher*innen achten können

Wenn wir als Konsument*innen etwas gegen ausbeuterische Kinderarbeit tun wollen, sind wir in unseren Handlungsoptionen zunächst einmal begrenzt. Denn es gibt Arten von Kinderarbeit, die sich nur vor Ort und durch eine langfristige Veränderung verschiedener Rahmenbedingungen abschaffen lassen. Ein Beispiel hierfür ist der lokale Drogenhandel, in dem viele Kinder tätig sind. Dieser lässt sich nur durch gesetzliche Regeln, strenge Kontrollen und das Engagement von Menschen und Organisationen vor Ort ändern.

In der Lebensmittel- und Textilbranche hingegen ist es für Konsument*innen möglich, ausbeuterischer Kinderarbeit entgegenzuwirken. Unseren Kakao, unsere Kleidung oder auch unsere Elektronikartikel gibt es in den verfügbaren Mengen zu günstigen Preisen, unter anderem auch deshalb weil Kinder dafür arbeiten. Hier ist der kritische Blick auf die Herstellungsbedingungen von Produkten besonders wichtig. Heute gibt es in Deutschland viele Möglichkeiten, bewusst einzukaufen:

  1. 1.

    Weltläden bieten ein Sortiment aus Fairem Handel. Sie folgen der eigenen Konvention, die strenge Regeln für die Läden selbst, aber auch deren Lieferant*innen und Produzent*innen enthält. Hierzu gehören Arbeitsschutzregeln, die auch das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit enthalten.

  2. 2.

    Fair-Handels-Unternehmen wie beispielsweise die GEPA, El Puente und WeltPartner achten darauf, dass bei der Herstellung ihrer Produkte keine Menschenrechte oder Umweltschutz-Standards verletzt werden. Ihre Produkte sind inzwischen auch in Supermärkten, vor allem aber in Weltläden zu finden. Dort findet sich eine Vielfalt an fairen Kunsthandwerksprodukten.

  3. 3.

    Anerkannte Zeichen und Siegel geben Orientierung. Sie zeigen, ob ein Produkt fair gehandelt wurde. Informationen unter siegelklarheit.de

Ein Systemwandel ist nötig

Der Absatz von fair gehandelten Produkten in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Der Faire Handel zeigt Wirkung, aber fair und ökologisch produzierte Güter sind häufig teurer als konventionell hergestellte. Hier setzt die „True-Cost-Initiative“ an. Ihr Ziel ist es, die „Wahren Kosten“ von Lebensmitteln für die Kund*innen sichtbar zu machen. Die Initiative will alle negativen Begleiterscheinungen von Produktion, Transport und Verarbeitung aufzeigen, darunter Missstände wie schlechte Bezahlung, Ausbeutung und Umweltverschmutzung. Wenn man solche Kosten in die Preise von Gütern mit einberechnen würde, wären diese deutlich teurer. Im Umkehrschluss würden Produkte, die ökologisch und sozial gerecht erzeugt wurden, im Vergleich günstiger sein als solche aus konventioneller Herstellung. Gleiches gilt für die Anerkennung von Leistungen, darunter den Schutz von Böden und Gewässern und eine gerechte Entlohnung. Das könnte langfristig dazu führen, dass mehr Menschen auf den Kauf von fairen Produkten umsteigen. Faire Unternehmen hätten auf den Märkten gerechtere Ausgangsbedingungen.

Diese Initiative muss ergänzt werden durch einen gesetzlichen Rahmen, der die Aus­beutung von Arbeiter*innen im Globalen Süden verbietet. Das im Juni 2021 verab­schiedete Lieferkettengesetz bietet hierfür eine Grundlage. Kritiker*innen bemängeln jedoch, dass es nicht weitgehend genug ist. So werden Menschen, die am Beginn der Wertschöpfungsketten arbeiten, beispiels­weise als Helfer*innen bei der Förderung der benötigten Rohstoffe, von dem Gesetz nicht geschützt. Problematisch ist das vor allem, weil die meisten Menschenrechts­verletzungen am Anfang der Lieferketten geschehen. Außerdem wird an dem Gesetz kritisiert, dass es keine zivilrechtliche Haftungsregelung enthält und nur wenige Umweltstandards mit einbezieht. Zusätzlich zum deutschen Lieferkettengesetz ist es zwingend notwendig, dass sich alle Staaten dieser Erde gegen Menschenrechtsverlet­zungen in globalen Lieferketten einsetzen.  

Um die ausbeuterische Kinderarbeit in globalen Lieferketten ein für alle Mal abzu­schaffen, muss es also einen breiten syste­mischen Wandel geben. Thomas Antkowiak betont: „Wir müssen den Konsum und die Wirtschaft so verändern, dass Arbeiter*innen gerecht für ihre Leistungen bezahlt werden und ihren Kindern eine Schulbildung finan­zieren können. Dann müssen Kinder nicht mehr in unangemessenen Arbeitsverhält­nissen schuften und können stattdessen zur Schule gehen.“


ZUR PERSON

Ina Thomas studierte „Theologie und globale Entwicklung“ und setzt sich seitdem mit entwicklungspolitischen Themen auseinander. Aktuell ist sie Presse-Volontärin beim katholischen Werk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR.

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