GEPA - The Fair Trade Company
Kundenmagazin Sommer 2020

Fairer Handel: Gelebte Solidarität in der Corona-Krise

Knapp 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den Ländern des Globalen Südens befinden sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Sie arbeiten als Tagelöhner*innen, häufig ohne Vertrag und ohne soziale Absicherung [1]. Durch die strengen Ausgangssperren vielerorts im Frühjahr 2020 haben die Menschen ihre Einnahmen verloren, mit denen sie von Tag zu Tag ihre Familien ernähren. Zudem sind die Preise für Grundnahrungsmittel gestiegen.

Konventioneller Handel lässt Menschen oftmals im Stich

Auch angestellte Arbeiter*innen geraten in Existenznot – gerade in den Ländern, die vom Export nach Europa und in die USA abhängig sind. Human Rights Watch berichtet, dass zahlreiche globale Markenanbieter und Einzelhändler im Bekleidungssektor Bestellungen in Asien storniert haben – selbst wenn die Produkte bereits fertiggestellt waren. Viele Hersteller hatten dadurch Liquiditätsengpässe und konnten die Löhne ihrer Arbeiter*innen nicht bezahlen. Allein in Bangladesch wurden bereits eine Million Arbeiter*innen entlassen oder in unbezahlten Urlaub geschickt. Eine Studie aus Bangladesch ergab, dass sich fast alle Markenanbieter und Einzelhändler weigerten, Teil-Lohnfortzahlungen für beurlaubte Angestellte oder Abfindungen für entlassene Mitarbeitende mitzutragen [2].

Umsatzeinbußen auch im Fairen Handel

Auch die Produzent*innen des Fairen Handels in Afrika, Asien und Lateinamerika haben aufgrund der Corona-Krise mit dramatischen Umsatzeinbußen zu kämpfen. Durch Ausgangssperren waren bzw. sind teilweise die Produktionen lahmgelegt, Ernten konnten nicht eingebracht werden und durch Exportsperren war bzw. ist die Verschiffung der Produkte eingeschränkt. Zudem gab es Probleme bei der Beschaffung von Material – zum Beispiel in der Textilproduktion. Da einige Produzentenorganisationen nicht nur für den Fairen Handel, sondern auch für den konventionellen Markt arbeiten, leiden auch sie unter Auftragsrückgängen aus den USA und Europa.

Lieferanten stehen zu langfristigen Partnerschaften

Im Fairen Handel steht der Mensch vor dem Profit und gerade in Krisenzeiten werden die Grundsätze des Fairen Handels ganz praktisch erlebbar. Bei den anerkannten Weltladen-Lieferanten ist das Unternehmensziel nicht Gewinnmaximierung, sondern die Förderung des Fairen Handels und vor allem ihrer Handelspartner. Langfristige Handelsbeziehungen gewährleisten den Produzent*innen ein dauerhaftes und stabiles Einkommen. Aus gegenseitigen Besuchen erwächst eine Vertrauensbasis, die für die gemeinsame Arbeit wichtig ist. Viele Lieferanten informieren auf ihren Websites über die Situation ihrer Handelspartner in der Corona-Krise. Der Weltladen-Dachverband hat im April 2020 eine Umfrage bei den anerkannten Weltladen-Lieferanten durchgeführt, um zu erfahren, wie sie mit der Krise umgehen. Anders als im konventionellen Handel gaben fast alle Lieferanten an, keine Aufträge zu stornieren. Viele Lieferanten haben den Produzentenorganisationen zusätzliche Umsatzbeteiligungen eingeräumt und unterstützen zudem ihre Handelspartner finanziell für die Grundversorgung oder konkrete Notlagen. Gleichzeitig haben durch das Kontaktverbot und die Geschäftsschließungen in Deutschland auch die Fair-Handels-Lieferanten deutliche Umsatzeinbußen verzeichnet. Sie versuchen dies aufzufangen, indem sie zum Beispiel ihr Online-Geschäft aufbauen oder stärken. Außerdem entwickelt bzw. bestellt rund ein Drittel der Befragten neue Produkte, die in Zusammenhang mit der Corona-Epidemie stehen, insbesondere Gesichtsmasken. Diese wurden zum Teil auch in den Ländern der Produzent*innen kostenfrei verteilt.

„Wir mussten alle unsere Läden in der Stadt schließen, so dass wir in einer schwierigen Lage sind. Wir hoffen, dass ihr weiterhin Waren von uns bestellt. Denn wenn unsere Handwerkerinnen und Handwerker Aufträge erhalten, haben sie auch ein Einkommen.“

Tran Tuyet Lan, die Geschäftsführerin von Craft Link in Vietnam im April 2020 [3]

Weltläden reagieren mit kreativen Verkaufsmöglichkeiten

Weltläden verfolgen einen einzigartigen Ansatz, um die Vision einer gerechten Weltwirtschaftsordnung und von verbesserten Lebenssituationen ökonomisch benachteiligter Produzent*innen zu erreichen. Er basiert auf drei Säulen: Verkauf fair gehandelter Waren, Informations- und Bildungsarbeit sowie politische Arbeit. Bundesweit engagieren sich in rund 900 Weltläden mehrere 10.000 Menschen. Im Frühjahr 2020 hatte ein Großteil der Weltläden deutschlandweit geschlossen. Grund dafür waren nicht nur Anordnungen der Behörden. Denn obwohl die meisten Weltläden ein großes Sortiment an Lebensmitteln führen und deshalb zum Teil geöffnet bleiben durften, fehlten ihnen oft die Mitarbeitenden für den Verkauf. Innerhalb weniger Tage haben viele Weltläden neue Verkaufsmöglichkeiten geschaffen. Sie haben beispielsweise Lieferdienste eingerichtet oder Verkaufsstände auf Wochenmärkten organisiert. Der Weltladen-Dachverband hat im März 2020 gemeinsam mit rund 30 Fair-Handels-Lieferanten die „aktion #fairsorgung“ gestartet. Damit hat er zum einen die vielfältigen, lokalen Angebote von Weltläden beworben. Außerdem beteiligen die Lieferanten bei Bestellungen in ihren Online-Shops den (geschlossenen) Weltladen vor Ort am Umsatz.

Chance in der Krise: Fairen Handel zum Standard machen

Solidarität hat in der Corona-Krise für die breite Öffentlichkeit eine größere Bedeutung bekommen. Viele haben sich an Kontaktsperren und Abstandsregeln gewöhnt, haben Einzelinteressen hinter Gemeinwohl gestellt. Das zeigt, dass Menschen ihre Gewohnheiten ändern können. Diese globale Krise hat einmal mehr verdeutlicht, wie wichtig faire Handelspraktiken besonders für die Produzent* innen am Anfang der Lieferketten sind. Mit diesem Wissen können Konsument*innen zukünftig beim Einkauf stärker auf fair gehandelte Produkte achten. Die Politik könnte nun ein deutliches Zeichen setzen. Die Bundesregierung sollte bis 2021 ein Gesetz erarbeiten, das Unternehmen verpflichtet, Arbeits- und Menschenrechte sowie Umweltstandards weltweit einzuhalten. Zusammen mit 90 Organisationen machen der Weltladen-Dachverband und das Forum Fairer Handel im Rahmen der Initiative Lieferkettengesetz darauf aufmerksam, dass ein solches Gesetz unbedingt gebraucht wird. Gerade in globalen Krisen sollte sich die Politik deutlich positionieren und solidarisch handeln – nicht nur im Angesicht von Corona, sondern auch im Hinblick auf Hunger, Armut und den Klimawandel. Der Faire Handel macht es vor.

„Fairer Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt. (…)“

Internationale Definition des Fairen Handels

Text: Nadine Busch (Weltladen-Dachverband)

Stand des Artikels ist Mai 2020.


ZUR PERSON

Nadine Busch hat Ernährungs- und Wirtschaftswissenschaften studiert und arbeitet seit 2014 beim Weltladen-Dachverband. Seitdem ist sie auch für die Herausgabe des Kundenmagazins verantwortlich, das drei Mal jährlich erscheint.


Quellen:

[1] ILO: World Employment and Social Outlook – Trends 2017

[2] Human Rights Watch (07.04.2020)

[3] GEPA - The Fair Trade Company

Passend zum Thema

Mit der aktion #fairwertsteuer nutzen Weltläden die reduzierte Mehrwertsteuer, um Mittel zur Unterstützung der Handelspartner zu generieren. Denn sie leiden am meisten unter den Folgen der Krise und haben wenig Aussicht auf staatliche Unterstützung.

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Gemeinsam mit den Fair-Handels-Lieferanten hat der Weltladen-Dachverband die "aktion #fairsorgung" gestartet. Während der Corona-Krise bieten die Weltläden kreative Verkaufsmöglichkeiten an und es gibt die Möglichkeit, die Weltläden auch bei Bestellungen in den Online-Shops der Lieferanten zu unterstützen.

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Stand: 06/2020

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