Arbeiter*innen in einer Fabrik in China.
Uwe Kleinert (Werkstatt Ökonomie)/Misereor
Kundenmagazin Winter 2019

Spielzeug: Des einen Freud ist des anderen Leid

Mit Spielzeug verbringen wir viel Zeit, vertiefen uns ins Spiel, lernen und erschließen uns die Welt. Spielzeug ist aber auch ein Produkt wie jedes andere. Es wird aus den unterschiedlichsten Rohstoffen in Fabriken auf der ganzen Welt hergestellt. Es wird global gehandelt und in Tausenden von Läden verkauft. Das bunte Angebot weckt Bedürfnisse und verleitet zum schnellen Kauf. In den meisten Kinderzimmern gibt es viel zu viel davon. Manches landet bald auf dem Müll. Und weil wir so viel davon kaufen wollen, soll Spielzeug billig sein. Doch billig hat seinen Preis.

Giftstoffe im Spielzeug gefährden die Gesundheit

Kinder spielen mit allen Sinnen. Umso wichtiger ist es, dass Spielzeug gefahrlos benutzt werden kann und keine Schadstoffe enthält. Auf europäischer Ebene regelt die Spielzeugrichtlinie die Sicherheitsanforderungen an Spielzeug. Danach darf Spielzeug nur dann in den Verkehr gebracht werden, „wenn es die Sicherheit und/oder Gesundheit von Benutzern oder Dritten bei einer bestimmungsgemäßen oder vorhersehbaren Verwendung unter Berücksichtigung des üblichen Verhaltens von Kindern nicht gefährdet.“

Doch tatsächlich dürfen Chemikalien in Mengen von bis zu 1000 Milligramm pro Kilogramm in Spielzeug enthalten sein, die Krebs erzeugen, das Erbgut schädigen oder die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen können. Die Grenzwerte sind umstritten, denn das Risiko dauerhafter Schäden steigt mit der Vielzahl von Giften, denen Kinder ausgesetzt sind. Und Kinder sind gegenüber chemischen Stoffen wesentlich empfindlicher als Erwachsene. Hinzu kommt, dass die Spielzeugrichtlinie einige Substanzen überhaupt nicht berücksichtigt und viele Produkte, die von Kindern genutzt werden, nicht unter die Spielzeugrichtlinie fallen.

Dass Spielzeug sicher ist, muss auf dem europäischen Markt mit dem CE-Zeichen bestätigt werden, das der Hersteller selbst auf dem Produkt aufbringt. Da es kein Prüfsiegel ist, mit dem ein unabhängiges Labor die Ungefährlichkeit des Produkts bescheinigt, kann es den Verbraucher*innen keine Sicherheit geben. Die lückenhaften Gesetze für Spielzeug in Kombination mit schwachen Kontrollen und dem nicht aussagekräftigen CE-Zeichen führen dazu, dass immer wieder schadstoffbelastete Kinderprodukte auf den Markt kommen und Eltern diese nicht erkennen können.

In der Lieferkette herrschen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

Nur noch 20 Prozent des Spielzeuges wird in Deutschland produziert. Der Rest wird importiert. 80 Prozent der europäischen Spielzeugimporte kommen aus Fernost. In Deutschland stammte zuletzt knapp die Hälfte der Spielzeugeinfuhren aus China. Daneben gewinnen osteuropäische Länder an Bedeutung – insbesondere Tschechien und Polen, aber auch Ungarn und Rumänien.

In der Kritik sind vor allem die Spielzeugunternehmen, die in China produzieren lassen. In vielen der dortigen Fabriken – nicht nur in der Spielzeugbranche – verstoßen die Arbeitsbedingungen gegen nationales Recht und internationale Mindeststandards: Arbeitszeiten bis 14 Stunden pro Tag, an sieben Tagen die Woche, insbesondere im Weihnachtsgeschäft, erzwungene Überstunden, Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns, Arbeitsunfälle durch Übermüdung und unzureichenden Arbeitsschutz, unzumutbare Bedingungen in den Fabrikwohnheimen – und das alles ohne das Recht auf Streik und unabhängige Gewerkschaften.

Initiativen haben nur begrenzte Wirkung

Im Wesentlichen sind es zwei Brancheninitiativen, die sich um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen (vor allem) in chinesischen Fabriken bemühen: das 2004 vom Internationalen Verband der Spielzeugindustrie initiierte ICTI Ethical Toy Program [1] und die etwa zeitgleich gestartete amfori Business Social Compliance Initiative (amfori BSCI) [2] des europäischen Außenhandelsverbandes.

Weder die Selbstverpflichtung beim ICTI Ethical Toy Program noch das „entwicklungsorientierte System“ von amfori BSCI sind für die Spielzeughersteller ein Anreiz, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Programme arbeiten zwar ganz unterschiedlich, beiden mangelt es aber vor allem an Transparenz: Weder für interessierte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) noch für Verbraucher*- innen gibt es Informationen darüber, ob die jeweiligen Standards eingehalten werden. Beide sehen darüber hinaus die Verantwortung für die vorherrschenden Arbeitsbedingungen ausschließlich bei den chinesischen Herstellern. Die Rolle ihrer Abnehmer, die etwa mit ihrer Einkaufspolitik die Handlungsspielräume der Lieferanten wesentlich beeinflussen, wird ausgeblendet. Und beide Programme machen es möglich, dass zum Beispiel deutsche Spielzeugfirmen ihre Lieferkettenverantwortung auslagern und selbst untätig bleiben können.

Unternehmensverantwortung braucht einen gesetzlichen Rahmen

Auch in der Spielzeugbranche zeigt sich, dass freiwillige Initiativen zur Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte nur begrenzt Wirkung erzielen. Erstens braucht es verbindliche Regeln für die Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette. Zweitens muss es möglich sein, Unternehmen für Menschenrechtsverstöße in ihrer Lieferkette haftbar zu machen, wenn sie grob gegen ihre Sorgfaltspflicht verstoßen. Und drittens müssen Opfer von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Geschäftstätigkeit deutscher Unternehmen Zugang zu deutschen Gerichten haben, um dort ihre Ansprüche etwa auf Wiedergutmachung geltend machen zu können. Die neue Initiative Lieferkettengesetz von 64 zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem Weltladen-Dachverband fordert genau dies und bietet auf ihrer Website verschiedene Möglichkeiten zur Beteiligung an:
www.lieferkettengesetz.de.

Empfehlungen für den Spielzeugkauf

  • Weniger ist mehr: Fragen Sie sich, ob die Neuanschaffung wirklich sinnvoll ist. Auch Spielzeugberge werden irgendwann zu Müllbergen.
  • Auf Labels achten: Kaufen Sie fair gehandeltes Spielzeug oder Produkte mit dem FSC- oder GOTS-Siegel, die auch auf die Einhaltung sozialer Standards achten. Allerdings werden sie in der Spielzeugbranche nur vereinzelt genutzt.
  • Material sorgfältig auswählen: Kaufen Sie kein Spielzeug aus weichem Kunststoff, insbesondere nicht aus PVC. Bei Holzspielzeug geben Sie unlackiertem Vollholz den Vorzug.
  • Riechtest machen: Vertrauen Sie Ihrer Nase. Was künstlich riecht, gibt auch schädliche chemische Stoffe an die Luft ab.
  • Billigprodukte meiden: Niedrige Preise gehen allzu oft einher mit minderwertigen Rohstoffen, miserablen Arbeitsbedingungen und fehlenden Qualitätskontrollen.
  • Spielzeug wiederverwenden und tauschen: Gebrauchtes Spielzeug ist nicht nur preisgünstig, sondern auch umweltfreundlicher.  Zum Weiterlesen:
    www.fair-spielt.de  

Uwe Kleinert 

Zur Person

Uwe Kleinert ist bei der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg Referent für Wirtschaft und Menschenrechte. Über zehn Jahre koordinierte er die Aktion fair spielt. Seit 2013 ist er in Baden-Württemberg Eine Welt-Fachpromotor für nachhaltige öffentliche Beschaffung und Unternehmensverantwortung und unterstützt dort auch das regionale Netzwerk der Initiative Lieferkettengesetz.  

QUELLEN:

[1] www.ethicaltoyprogram.org
[2] www.amfori.org


Spielzeug im Fairen Handel

Spielsachen gibt es u.a. von El Puente, EZA, GLOBO und WeltPartner. Alle Lieferanten, die vom Weltladen-Dachverband anerkannt sind und an Weltläden verkaufen, haben sich der Konvention der Weltläden verpflichtet, die sich an den Prinzipien der World Fair Trade Organization (WFTO) orientiert.

Arbeitszeiten/-bedingungen: Es werden die nationale Gesetzgebung und die Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beachtet. Außerdem wird ein existenzsicherndes Einkommen („Living wage“) angestrebt. Die Organisationen stellen sicher, dass es keine ausbeuterische Kinderarbeit oder Zwangsarbeit gibt. Es gibt ein Recht auf Gewerkschaftsfreiheit.

Sicherheitsanforderungen: Anerkannte Lieferanten stellen durch verschiedene Maßnahmen sicher, dass die EU-Spielzeugrichtlinie bei ihren Produkten eingehalten wird. Durch langjährige Beziehungen gibt es ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Produzent* innen, so dass die Bedeutung von gesetzlichen Regelungen verstanden und die Vorgaben transparent umgesetzt werden. Parallel dazu gibt es zusätzlich zu staatlichen Kontrollen stichprobenartige Laboruntersuchungen.

Darüber hinaus: Natürliche und langlebige Materialien wie Holz oder Baumwolle werden bevorzugt. Um Spielsachen vielfältiger und länger einsetzbar zu machen, gibt es teilweise sogar gender-neutrales Spielzeug, bei dem weder Themen noch Farbgebung speziell auf Mädchen oder Jungen abzielen.

Text: Nadine Busch, Weltladen-Dachverband  

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