Interview mit BanaFair
Im Austausch mit Rudi Pfeifer, Geschäftsführer von BanaFair, und Helge Fischer, Koordinator für Internationale Zusammenarbeit, wurde deutlich, wie eng fairer Handel, politische Bildungsarbeit und solidarische Partnerschaften in Lateinamerika miteinander verbunden sind. Weil im Heft nicht alle spannenden Einblicke Platz fanden, stellen wir hier die ausführliche Online-Version des Interviews „Fairer Handel ist uns (nicht) Banane“ bereit – ein vertiefender Blick auf die Arbeit von BanaFair, ihre Wurzeln in der Solidaritätsbewegung und ihre Rolle im Fair-Handels-Netzwerk.
1. Seit fast 40 Jahren steht BanaFair für Fairen Handel mit Früchten. Was sind zentrale Ziele und Schwerpunkte eurer Arbeit?
Unsere Wurzeln liegen in der Nicaragua-Solidaritätsbewegung der 80er Jahre. Dort entstand unser Selbstverständnis als Fair-Handels-Organisation: Wir unterstützen konzernunabhängige Produktion und Vermarktung von Kleinproduzent*innen, fördern die Ökologisierung der Produktion und stärken Beschäftigte auf Großplantagen im Kampf für Arbeits- und Menschenrechte. Letzteres ist für uns essenziell, da fundamentale Rechte täglich verweigert werden und kein Bonus in Zertifizierungssystemen sein dürfen. Kleinproduzent*innen und Arbeiter*innen stehen am Anfang der Lieferkette, bei der Wertschöpfung jedoch am Ende. Das wollen wir ändern, durch nachhaltige kleinbäuerliche Landwirtschaft und solidarische Unterstützung gewerkschaftlicher Arbeit für faire Löhne sowie sichere Arbeitsbedingungen.
2. Welche Herausforderungen seht ihr aktuell für Bananenproduzent*innen und Arbeiter*innen?
Unsicherer Zugang zu Absatzmärkten, niedrige Erzeugerpreise, Folgen des Klimawandels, Kosten und fehlendes Know-how für die Agrarwende, steigende Anforderungen durch Zertifizierungssysteme sowie hohe Produktions- und Transportkosten stellen Kleinproduzent*innen vor große Herausforderungen. Ihre zentrale Forderung ist ein nachhaltiger Erzeugerpreis, der Produktions- und Lebenshaltungskosten deckt. Im World Banana Forum, an dem sich auch BanaFair beteiligt, wird an fairen Kosten- und Preismodellen gearbeitet. Die Mitarbeit ist jedoch zeit- und kostenintensiv und oft schwer leistbar. Gleichzeitig müssen Gewerkschaften sich gegen den Ersatz fester Stellen durch Leiharbeit wehren, da dadurch informelle Beschäftigung ohne Rechte zunimmt und Tarifverhandlungen sowie Organisationsfreiheit bedroht sind.
3. Welche Verbesserungen bringt der Faire Handel im Fruchtsektor?
Der Faire Handel bringt konkrete Verbesserungen für beteiligte Produzent*innen. Mindestpreise und Prämien helfen zertifizierten Kleinproduzent*innen, insbesondere mit Biozuschlägen, wirtschaftlich zu überleben. Der Markt für faire Bio-Bananen ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und Ausdruck einer steigenden Nachfrage nach gesunden und nachhaltigen Produkten, bleibt aber kleiner als das mögliche Angebot. Gleichzeitig treibt der Faire Handel durch seine Präsenz am Markt wichtige Debatten über notwendige Veränderungen im Fruchtsektor voran. Akteure des Fairen Handels engagieren sich in Dialog- und Multi-Stakeholder-Foren wie dem World Banana Forum sowie in Pilotprojekten zu existenzsichernden Löhnen, teils gemeinsam mit konventionellem Handel und staatlichen Institutionen.
4. Welche Auswirkungen haben Preisdruck und unfaire Handelspraktiken auf Bananenproduzent*innen?
Im Bananenhandel spiegeln die Niedrigpreise großer Einzelhandelsketten nicht den Wert der geleisteten Arbeit und Investitionen wider. Das gilt für konventionelle Produktion und besonders für nachhaltige Familienlandwirtschaft. Preise unter Selbstkosten prägen Konsumentenerwartungen, dass Bananen billig sein müssen. Produzent*innen und Exporteure fordern daher Ankaufpreise, mit denen ökologische und soziale Standards finanziert werden können. Durch viele Zwischenschritte in der Lieferkette kommen höhere Preise jedoch nicht automatisch bei Arbeiter*innen an. Deutsche Discounter stehen wegen Preisdrucks in der Kritik, engagieren sich aber in Initiativen wie dem World Banana Forum, Pilotprojekten zur Lohnlücke und dem Verkauf fairer Bio-Bananen. An den grundlegenden Bedingungen ändert das bisher wenig, weshalb der Druck für faire Erzeugerpreise bestehen bleiben muss.
5. Welche politischen oder strukturellen Änderungen sind nötig, um faire Arbeitsbedingungen zu sichern?
Wir brauchen rechtlich verbindliche Regelungen im globalen Handel, da freiwillige Selbstverpflichtungen weitgehend gescheitert sind. BanaFair setzt sich in Netzwerken wie EUROBAN, dem European Banana Action Network, und dem Forum Fairer Handel für verbindliche Regeln zur Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten in Lieferketten ein. Wir begrüßen das deutsche Lieferkettengesetz und die ursprüngliche EU-Richtlinie, die jedoch bereits abgeschwächt wurden, und fordern eine Stärkung verbindlicher Sorgfaltspflichten und Haftung der Importeure sowie kooperative Unterstützung der Produzentenländer. Gewerkschaften müssen eine zentrale Rolle spielen. Für nachhaltige Familienlandwirtschaft wünschen wir neue Absatzmöglichkeiten mit fairen Erzeugerpreisen in agrarökologischen Lieferketten.
6. Wie fördert ihr Arbeitsrechte, existenzsichernden Löhne und Mitbestimmung im Bananenanbau?
Wir fördern Arbeitsrechte, existenzsichernde Löhne und Mitbestimmung vor allem durch die Unterstützung von Gewerkschaften. Schon in den 80er Jahren arbeiteten wir in Nicaragua mit der Landarbeiter*innen-Gewerkschaft ATC zusammen und kofinanzierten Projekte aus Erlösen des alternativen Handels mit Nica-Bananen. Dieses Prinzip haben wir beibehalten. In den 90er Jahren begleiteten wir den Aufbau von COLSIBA, der Koordination der lateinamerikanischen Bananenarbeiter*innen-Gewerkschaften, die bis heute Partner ist. Wir unterstützen Fortbildungen zu Arbeits- und Gewerkschaftsrecht, Organisations- und Genderarbeit, organisieren Austausch mit Handel und Politik, leisten Eilaktionen bei Menschenrechtsverletzungen und tragen Kampagnen sowie die Arbeit der Bananengewerkschaften finanziell mit. All dies gehört untrennbar zu unserer Arbeit.