Die Macht der Big Four
Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in Deutschland ist hochkonzentriert. Nur vier Konzerne teilen sich über 85 Prozent des Marktanteils bei Lebensmitteln untereinander auf: Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe aus Lidl und Kaufland. Gleichzeitig stellen diese „Big Four“ immer mehr Lebensmittel selbst her. Lidl etwa ist mittlerweile zum drittgrößten Lebensmittelhersteller in Deutschland geworden, was die Machtverhältnisse im Lebensmittelsektor weiter verschärft.[1]
Ausgequetscht wie eine Zitrone: Unfaire Handelspraktiken gegenüber Lieferanten
Durch die hohe Konzentration im LEH sind die meisten Lieferanten auf dem deutschen Markt davon abhängig, bei den „Big Four“ gelistet zu sein. Entsprechend ungleich ist die Verhandlungsposition. Unlautere Handelspraktiken, Drohungen und Sanktionen von Seiten des LEHs sind laut verschiedener Umfragen weit verbreitet, trotz Einführung des Agrarorganisationen-und-Lieferketten-Gesetzes (AgrarOLkG), welches die gravierendsten unlauteren Handelspraktiken seit 2021 in Deutschland verbietet. Die Supermärkte fordern etwa Rabatte ohne nennenswerte Gegenleistung oder extrem niedrige Einkaufspreise, die teilweise nicht einmal die Produktionskosten der Lieferanten decken. Sie werden „ausgequetscht wie eine Zitrone“ fasst es ein Lieferant in jüngsten Gesprächen zusammen.[2]
Händler und Hersteller in einem: Preis- und Machtfaktor zugleich
Da der LEH zunehmend selbst Lebensmittel produziert, wird er unabhängiger von anderen Lebensmittelherstellern, was seine Position in Preisverhandlungen weiter stärkt. Die Supermarktketten können bspw. Markenprodukte durch Eigenmarken ersetzen und dies in Preisverhandlungen als Drohmittel verwenden. Gleichzeitig können sie günstiger produzieren als viele Markenhersteller – etwa durch eigene Vertriebswege. Insgesamt schaffen diese Vier damit ein Preisniveau, mit dem viele, insbesondere kleinere sowie gemeinwohlorientierte Hersteller, wie Fair-Handels-Unternehmen, nicht konkurrieren können.
Starker Druck auf Produzent*innen am Anfang der Lieferkette
Besonders unter Druck geraten dabei Produzent*innen am Anfang der Lieferketten. Jüngste Analysen zeigen, dass in Deutschland die Preisaufschläge – die Differenz zwischen dem Verkaufspreis und den Herstellungskosten – im LEH und in der Lebensmittelindustrie seit 2007 steigen, während sie bei Landwirt*innen sinken.[3] Nicht selten erhalten letztere Preise, welche nicht einmal ihre Produktionskosten decken. Der LEH betont, dass er für die Lage der Landwirt*innen nicht verantwortlich sei, da er im Gegensatz zu den Markenherstellern keine direkten Beziehungen zu ihnen habe. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Da die „Big Four“ zunehmend selbst Lebensmittel herstellen, unterhalten sie in dieser Rolle durchaus direkte Beziehungen zur Landwirtschaft. Zudem wirkt sich der Kostendruck, den der LEH auf seine Lieferanten ausübt, auf die gesamte Lieferkette aus, denn er wird häufig weitergereicht.
Des Weiteren hat der LEH auch einen direkten Einfluss auf die Erzeuger*innen im Gemüse und Obstbereich: So werden rund 90 Prozent des deutschen Frischobstes und -gemüses direkt über die Supermärkte verkauft.[4] Die „Big Four“ nutzen dabei die Abhängigkeit der Erzeuger*innen mangels Ausweichmöglichkeiten aus und nehmen starken Einfluss auf Art und Qualität der Waren. Da die Erzeuger*innen aufgrund der Verderblichkeit ihrer Ware diese möglichst schnell verkaufen müssen, sind sie zudem in Preisverhandlungen besonders vulnerabel. So berichteten 2023 deutsche Spargel- und Erdbeerlieferanten, dass in der Regel gar keine Preisverhandlungen mit dem LEH erfolgen würden, sondern der Preis vorgegeben werde.[5]
Der LEH als Schutzpatron der Verbraucher*innen?
In der Debatte um Preise im Lebensmittelsektor werden oft Verbraucher*innen und Produzent*innen gegeneinander ausgespielt: Der LEH betont, dass er für günstige Lebensmittelpreise zum Schutz der Verbraucher*innen sorgen müsse. Doch neue Analysen zeigen, dass der LEH Kosteneinsparungen nicht an die Verbraucher*innen weitergibt und die Lebensmittelpreise in Deutschland seit einigen Jahren stärker steigen als in vielen anderen Ländern.[6] Seit 2020 sind sie durchschnittlich um mehr als 35 Prozent gestiegen.[7] Gleichzeitig profitieren Erzeuger*innen immer weniger von steigenden Endverbraucherpreisen.
Was es jetzt braucht
Die Marktmacht im LEH hat negative Auswirkungen auf die gesamte Lebensmittellieferkette – auf Verbraucher*innen sowie auf kleinere Hersteller, Erzeug*innen und damit auch auf ihre Angestellten und die Umwelt. Es braucht strukturelle Maßnahmen, die an dieser hohen Marktkonzentration ansetzen. Seit 2023 verfügt das Bundeskartellamt über neue Befugnisse und kann auch ohne einen nachgewiesenen Missbrauch aktiv werden und Sektor‑Untersuchungen durchführen. Sollte sich dabei eine erhebliche und fortwährende Störung des Wettbewerbs zeigen, wären Maßnahmen möglich. Denkbar wäre, dass das Kartellamt seine neuen Befugnisse nutzt, um eine Sektor-Untersuchung einzuleiten. Gleichzeitig braucht es einen effektiveren Schutz für Lieferanten vor unlauteren Handelspraktiken. Die laufende Evaluierung der EU‑Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken bietet zudem einen Rahmen, in das AgrarOLkG wirksamer gestaltet werden könnte.
[1] Siehe Forum Fairer Handel (Hg.)(2025): Die Macht der Big Four, , online unter: https:
[2] Siehe Forum Fairer Handel / Oxfam (Hg.)(2025): Ausgequetscht wie eine Zitrone https:
[3] Monopolkommission (2024): Wettbewerb 2024. XXV. Hauptgutachten: https:
[4] Monopolkommission (2025): Sondergutachten 84: Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette: https:
[5] Oxfam (Hg.) (2023): Das hier ist nicht Europa, Oxfam Deutschland (Hg.), online unter: https://is.gd/xO44YYb, S.14
[6] Ebd., S. 44
[7] Siehe bspw.: https:
Wer tiefer einsteigen möchte: Zwei Publikationen von Forum Fairer Handel und Oxfam zeigen, wie die „Big Four“ den Lebensmittelmarkt prägen und warum faire Alternativen dringend nötig sind. Mehr dazu findest du hier.