Eine Person mit verhülltem Kopf steht in einem resifeld und versprüht Flüssigkeit aus einem silbernen Gefäß auf ihrem Rücken
Auf einem Reisfeld auf den Philippinen wird ein Pestizid versprüht. Gesundheitliche Kosten für Bäuer*innen oder Arbeiter*innen werden aus Unternehmensbilanzen ausgelagert. | Bild: Pohl/MISEREOR
Kundenmagazin Frühjahr 2021

Die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion – eine Spurensuche

Autor: Markus Wolter

Sie stehen im Weltladen Ihrer Stadt. Sie sehen die schönen Produkte der Fair-Handels-Importeure: Kaffee, Schokolade, Gewürze, Nüsse und noch vieles mehr. Sie kaufen mit dem Wissen ein: Hier wurde das Möglichste unternommen, damit bei der Produktion der Lebensmittel gut mit Menschen und Natur umgegangen wird. Keine ausbeuterische Kinderarbeit „in“ der Schokolade, keine gesundheitsschädlichen Pestizide beim Tee-Anbau und Preise über Weltmarktniveau, damit die Produzent*innen ein gutes Leben führen können. Das gibt zu Recht ein gutes Gefühl. Aber wir wissen gleichzeitig: Über 95 Prozent der Produkte im deutschen Lebensmitteleinzelhandel werden nicht so produziert.

Nachhaltige Produktion ist die Ausnahme

Sollte es nicht normal sein, dass weder die Natur noch die Produzent*innen zu Schaden kommen, wenn Lebensmittel hergestellt werden? Aktuell ist das noch nicht so. In unserem Ernährungssystem werden diejenigen mit höheren Gewinnen belohnt, die möglichst viele Kosten für soziale und ökologische Schäden auf die Gesellschaft umlegen. Diese Schäden sind momentan nicht im Lebensmittelpreis enthalten, sie sind ausgelagert. Die Supermarktpreise sind damit falsch und unverhältnismäßig billig. Die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion bleiben versteckt.

Ein Bio-Unternehmer brachte das kürzlich gut auf den Punkt: „Der Gute ist der Depp.“ Denn die biologisch angebauten und fair gehandelten Produkte sind aktuell diejenigen, die auf der Kostenseite am meisten zu Buche schlagen. Hohe Kosten bei der Erzeugung sind gleichbedeutend mit hohen Preisen im Laden. Und das bedeutet: weniger Verkauf. Diese Produkte verbleiben damit in der Nische, obwohl sie die größten Leistungen für die Allgemeinheit bringen.

In unserem Ernährungssystem werden diejenigen mit höheren Gewinnen belohnt, die möglichst viele Kosten für soziale und ökologische Schäden auf die Gesellschaft umlegen.

Schadschöpfung statt Wertschöpfung

Mit anderen Worten: Durch unsere derzeitigen Berechnungen von Gewinnen und Verlusten zeigen wir zwar volks- und betriebswirtschaftliches Wachstum an. Aber dabei zerstören wir unsere Grundlagen – wir betreiben also keine Wertschöpfung, sondern verursachen langfristige Schäden. An der Supermarktkasse ist der Preis für eine billige Schokolade zwar scheinbar niedrig. Das ist aber nur möglich, weil wir die Kosten ignorieren, die wir als Gesellschaft im aktuellen Wirtschaftssystem zahlen: Wie viel wird uns beispielsweise langfristig der Verlust von Artenvielfalt kosten, den der Einsatz von Pestiziden nach sich zieht?

Ein Beispiel aus Frankreich zeigt, wie real die finanzielle Belastung für die Gesellschaft bereits ist. Dort hat das Landwirtschaftsministerium 2011 bei den Wasserwerken nachgefragt, wie viel Geld diese ausgeben, um das geförderte Trinkwasser von Nitrat und Pestizidrückständen zu reinigen und die europäischen Normen einzuhalten. Resultat: 1,5 Milliarden Euro jährlich, die auf die Verbraucher* innen umgelegt werden müssen. Das Geld, das beim Kauf billiger Lebensmittel vermeintlich eingespart wurde, schlägt sich also unter anderem auf der Wasserrechnung nieder.

Überschreitung der planetaren Grenzen

Eine gefährliche Folge der ausgelagerten Kosten ist die Überschreitung der sogenannten planetaren Grenzen. Dahinter verbirgt sich die wissenschaftliche Arbeit des Schweden Johan Rokström. Darin werden die ökologischen Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten definiert und erklärt, wieso diese Grenzen für die natürlichen Lebensbedingungen der gesamten Menschheit wichtig sind. In den Bereichen Klima, Artensterben und beim Stickstoffkreislauf sind diese Grenzen bereits überschritten.

Die Überschreitungen haben sehr viel mit der Art der Landwirtschaft zu tun, wie sie aktuell betrieben und in der EU auch von der Politik gefördert wird. Mit 23 Prozent Anteil an den weltweiten Treibhausgasemissionen zählt laut Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) die Landwirtschaft zu den Haupttreibern der Klimakrise. Sie ist dabei der einzige Wirtschaftssektor, bei dem die Höhe der Umweltschäden, die er verursacht, die Einnahmen bei weitem übersteigt, schreiben Wissenschaftler der Universität Augsburg [1]. Ähnliches gilt auch für die Artenvielfalt. So haben wir in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren 75 Prozent unserer Insekten-Biomasse verloren – ein Hauptgrund dafür ist der flächendeckende Pestizideinsatz. Das bedeutet: Es entstehen Schäden an der Umwelt, die uns im Falle der Klimakrise alle betreffen, ohne dass deren Verursacher*innen dafür zur Verantwortung gezogen werden.

Es wird deutlich, dass das aktuelle System der Bilanzierung und dementsprechend die Preisgestaltung von Lebensmitteln nicht dazu geeignet ist, uns in die Zukunft zu führen. Die Klimakrise, die Verarmung der Böden und der Verlust der Biodiversität werden zu hohen Ernte-Einbußen führen. Wie können wir das verhindern?

True Cost Accounting – Bilanzierung der wahren Kosten

Unternehmen sollten verpflichtet werden, ihre Umwelt-, Sozial- und Gesundheitsauswirkungen zu bilanzieren. Das heißt auf Englisch True Cost Accounting. Aber auch Leistungen wie Förderung der Artenvielfalt und Schutz des Grundwassers müssen gemessen werden und in die Bewertung von Betrieben entlang der gesamten Wertschöpfungskette einfließen – und zwar vom Bauernhof über die Verarbeiter wie Mühlen oder Schlachthöfe bis zum Händler. Im Lebensmittelbereich liegt eine große Möglichkeit für Veränderung hin zu einem ökologisch-sozialen Wandel. Nur wenn Akteure am Markt mit gleichem Maßstab gemessen werden, wird die Grundlage für die Preisgestaltung gerechter. Denn durch die Berechnung der wahren Kosten würden sich zunächst die Preise im Supermarkt und dann auch die Nachfrage der Verbraucher*innen verändern – und zwar hin zu nachhaltigeren Produkten. Wenn die Kosten für ökologische und soziale Schäden mit einberechnet sind, dann wird die biologisch erzeugte Banane im Verhältnis viel günstiger als die konventionell in Monokultur gewachsene Banane.

Aber auch Abgaben wie auf die Emission von CO2, auf die übermäßige Ausbringung von Stickstoffdünger oder auf Pestizide sind Möglichkeiten, um Wirtschaft und Konsum nachhaltiger zu gestalten. Als Grundlage dafür braucht es verbindliche politische Rahmenbedingungen, damit alle auf demselben Spielfeld spielen können.

Und die biologischen und fair gehandelten Produkte?

Bio- und faire Produkte aus dem Weltladen decken schon einige der wahren Kosten ab, wenn auch noch nicht alle. Doch hier stehen Mensch und Umwelt im Fokus und nicht der Profit. Faire Handelspraktiken, gute Arbeitsbedingungen oder bio-zertifizierte Lebensmittel sind nur einige Beispiele. Und daher ist der Eindruck schon richtig, den Sie im Laden stehend haben. Leider sind diese Produkte noch die Ausnahme und werden systematisch durch höhere Produktpreise benachteiligt. Würden die Kosten von Schäden an Menschen und Umwelt mit eingepreist, könnten ökologisch hergestellte und fair gehandelte Lebensmittel schon heute zumindest teilweise die real günstigeren Produkte sein.

Die Bilanzierung der wirklichen Kosten muss künftig nicht nur in der Lebensmittelwirtschaft, sondern letztlich in allen Wirtschaftsbereichen verbindlich angewandt werden. Nur so kann eine grundlegende Transformation unseres Wirtschaftssystems zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit erzielt werden.

Zum Weiterlesen: misereor.de/wahrekosten

Quellen:
[1] Dr. T. Gaugler et al.: „Wahre Preise würden die Nachfrage verändern“. In: Dossier „Die wirklichen Kosten unserer Lebensmittel“, MISEREOR, 7/8-2020


ZUR PERSON

Markus Wolter ist Referent für Landwirtschaft und Ernährung beim katholischen Hilfswerk für Entwicklungszusammenarbeit MISEREOR.

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