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Geschichte des Fairen Handels in Deutschland

Die Bewegung des Fairen Handels entstand parallen in verschiedenen Ländern. In Deutschland begann der Faire Handel rund um das Jahr 1970.

1940-1960

1946 gilt als das Entstehungsjahr der US-Amerikanischen Fair-Handels-Organisation "Ten Thousand Villages". In den Niederlanden wurde im Jahr 1959 die Stiftung "Steun voor Onderontwikkelde Streken", abgekürzt "S.O.S.", gegründet, die 1967 mit dem Handel von Produkten aus "Entwicklungsländern" begann.

1960-1980

Im April 1969 eröffnete im niederländischen Breukelen der erste Weltladen. In Deutschland entstand die Fair-Handels-Bewegung dezentral, "von unten" und aus Protestaktionen gegen die wachsende Ungerechtigkeit im Welthandel. Es waren vor allem die kirchlichen Jugendverbände aej und BDKJ, die 1970 als politisches Signal in 70 Städten der Bundesrepublik "Hungermärsche" initiierten und dafür 30.000 Teilnehmer*innen mobilisierten. Aus Kritik an der offiziellen Entwicklungspolitik entstand daraus die Bewegung "Aktion Dritte Welt Handel" (A3WH) mit dem Motto "Lernen durch Handel". In den Jahren 1971-1975 boten immer mehr Dritte-Welt-Gruppen auf Basaren und Märkten Produkte aus "Alternativem Handel" an und die ersten Dritte-Welt-Läden in Deutschland entstanden.

Im Juni 1972 wurde der "Verein für Arbeits- und Sozialförderung in Entwicklungsländern El Puente" gegründet, aus dem heraus 1977 die El Puente GmbH entstand, mittlerweile eine der größten deutschen Importorganisationen. Mit der Aktion "Indio-Kaffee" (Kaffee der Kooperative Fedecocagua aus Guatemala) gelang der A3WH 1973 die erste größere politische Kampagne zum Thema Kaffee. Erstmals wurden Informationen über eine Kooperative und Informationen zur Preiskalkulation auf eine Kaffeetüte gedruckt. Es gab Flyer, Plakate und einen Film zur Information der Öffentlichkeit. Im Jahr 1973 liegen auch die Anfänge von GLOBO Fair Trade Partner, die zunächst vor allem Produkte aus Lateinamerika importierten. Und ebenfalls 1973 wurde als Tochter von S.O.S. (Niederlande) – damals noch in Aachen – die "Gesellschaft für Handel mit der Dritten Welt" gegründet, um den Warenvertrieb zu erleichtern. Aus dieser Organisation entstand zwei Jahre später die "Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt mbH" – kurz GEPA – als "wirtschaftlicher Arm" der A3WH.

Ebenfalls 1975 wurde – von sieben Weltläden unter dem damaligen Namen "Arbeitsgemeinschaft 3. Welt Läden e.V. (AG3WL)" – der Weltladen-Dachverband als Interessenvertretung der Weltläden und Aktionsgruppen in Deutschland gegründet. Die AG3WL war noch im gleichen Jahr Gründungsmitglied der GEPA. Nachdem die GEPA ein erfolgreiches erstes Geschäftsjahr mit einem Umsatz von umgerechnet 1,33 Millionen Euro beschreiben konnte, gab es 1977 die ersten Projekt- und Partnerkriterien für den Fairen Handel. Jutetaschen aus Bangladesch wurden 1978 mit dem Slogan "Jute statt Plastik" zum Symbol für die Alternativbewegung und für einen anderen Lebensstil. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Weltläden in Deutschland von ca. 40 (1977) auf etwa 200 Weltläden (1985). An die Zeit der Jutetaschen schloss sich 1980 die Ära des berühmt-berüchtigten Nicaragua-Kaffees mit ebenso großer Symbolkraft an. 1986 brachte die GEPA mit dem "Café Organico" aus Mexiko den ersten fair gehandelten Bio-Kaffee auf den Markt.

1980-1990

Seit 1986 vertreibt der Verein BanaFair in Deutschland fair gehandelte Bananen von Kleinproduzent/innen aus Lateinamerika. Im Jahr 1988 wurde von mehreren Weltläden der Region Oberschwaben die "dritte-welt Partner GmbH" gegründet. WeltPartner – seit 2005 in der Rechtsform einer Genossenschaft – ist heute Deutschlands drittgrößter Importeur fair gehandelter Produkte.

Bis zu seinem Zusammenbruch 1989 regelte ein internationales Kaffeeabkommen den weltweiten Handel mit Kaffee, um eine Überproduktion und damit einen Preisverfall zu verhindern. Dann fiel der Weltmarktpreis Anfang der 1990er-Jahre auf unter 60 US-Dollar für 100 amerikanische Pfund. Ein Kilo Kaffee kostete also umgerechnet nur etwa 1 Euro. Das war ein wichtiger Impuls für Fair-Handels-Initiativen, ihre Aktivitäten auszuweiten und zu koordinieren. Handelspartner fragten verstärkt nach zusätzlichen Vermarktungsmöglichkeiten.

Um die Anstrengungen besser zu koordinieren, entstand 1990 die European Fair Trade Association (EFTA) als europäischer Dachverband für mittlerweile neun große Fair-Handels-Organisationen aus acht Ländern mit Sitz in den Niederlanden.

Ebenfalls 1989 ging die GEPA ihren ersten Schritt aus der Nische in den Mainstream und verkaufte von nun an einen (zunächst sehr kleinen) Teil ihrer Produkte auch in einigen Supermärkten. 1989 gründeten Produzent/innen, Organisationen und Händler weltweit die International Federation for Alternative Trade (IFAT). Der internationale Dachverband der Fair-Handels-Organisationen mit über 400 Mitgliedern in 70 Ländern heißt mittlerweile World Fair Trade Organization (WFTO).

1990-2000

In Deutschland wurde 1992 von zahlreichen Organisationen die Siegelorganisation TransFair e.V. gegründet, um den Fairen Handel weiter auf Supermärkte ausdehnen zu können. TransFair sollte die Bedingungen des Fairen Handels unabhängig kontrollieren, ohne selbst mit Waren zu handeln. Noch im gleichen Jahr beteiligte sich TransFair e.V. an der Gründung des europäischen Zusammenschlusses "TransFair international". Die GEPA wurde erste Lizenznehmerin von TransFair und stattete alle ihre Kaffeesorten mit dem neuen Siegel aus. Gleichzeitig betonte sie, dass ihre Aktivitäten im Fairen Handel die Mindeststandards von TransFair übersteigen. Andere Importeure verwenden aus diesem Grund bis heute nicht das TransFair-(heute: Fairtrade-)Siegel. Einige Weltläden sahen in der Einführung des Siegels und dem zunehmenden Verkauf in Supermärkten eine Konkurrenz.

Anfang der 1990er-Jahre boten ca. 600 Weltläden fair gehandelte Produkte an. Als Reaktion auf das TransFair-Siegel wurde 1993 im Auftrag der AG3WL durch eine Werbeagentur die Profilierungskampagne "Weltläden – ein Stück Welt von morgen" inklusive des Weltladen-Logos entworfen. Zur Unterstützung der Arbeit der Weltladen-Gruppen waren mittlerweile sogenannte "Gruppenberater*innen" (heute: Fair-Handels-Berater*innen) aktiv, die bereits 1992 ein Rahmenkonzept für ihre Arbeit erstellten. Anfang der 1990er fanden die Bestrebungen, Weltläden zu professionalisieren, somit ihren Anfang.

Der Umsatz im Fairen Handel steigerte sich in großen Schritten, bei der GEPA beispielsweise von 14 Millionen Euro 1991 auf 27,5 Millionen Euro im Jahr 1994. 1994 schlossen sich die (west-)europäischen Weltladen-Dachverbände zum Network of European Worldshops (NEWS!) zusammen, das im Mai 1996 den ersten Europäischen Weltladentag zum Thema "Frühstücke mit Afrika" organisierte. NEWS! ist mittlerweile als eigene Organisation aufgelöst und in der Europa-Sektion der World Fair Trade Organization (WFTO) aufgegangen. Der Weltladentag findet weiterhin an jedem 2. Samstag im Mai in Deutschland statt. Seit einigen Jahren wird der Tag international als World Fair Trade Day auch von der WFTO und anderen Organisationen für öffentlichkeitswirksame Aktionen genutzt.

1998 gründeten vier internationale Fair-Handels-Netzwerke unter dem Namen FINE einen informellen Zusammenschluss, um die Aktivitäten des Fairen Handel besser abzustimmen. 1999 beschlossen sie gemeinsame Ziele des Fairen Handels und verabschiedeten 2001 die "Grundlage für eine verbesserte Zusammenarbeit im Fairen Handel", die die international gültige Definition des Fairen Handels beinhaltete. 2004 richtete FINE ein Advocacy Office in Brüssel ein, um die Anliegen des Fairen Handels an die europäische Politik heranzutragen.

ab 2000

Im September 2001 fand in Deutschland bundesweit die erste Faire Woche statt, organisiert von einem Trägerkreis, aus dem heraus 2002 das Forum Fairer Handel als Netzwerk der Fair-Handels-Organisationen in Deutschland gegründet wurde.

2004 wurde die Professionalisierung der Weltläden durch den Weltladen-Dachverband weiter vorangetrieben. Mit dem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung als Teil der Kampagne "fair feels good" geförderten Programm "Weltladen 2006" wurde eine einheitliche Gestaltungslinie für Weltläden und Materialien für eine Imagekampagne entwickelt. Das Weltladen-Logo wurde um die Farbe Orange als "Hausfarbe" der Weltläden ergänzt.

2006 wurde die Debatte um das TransFair-Siegel dadurch verstärkt, dass der Discounter Lidl die durch TransFair/Fairtrade gesiegelte Eigenmarke "Fairglobe" auf den Markt brachte. Lidl stand zu dieser Zeit stark in der Kritik wegen unfairen Bedingungen in anderen Produktsegmenten (z.B. Textilien) und gegenüber eigenen Arbeitnehmer*innen. TransFair wurde vorgeworfen, das Siegel Unternehmen zur reinen Imageverbesserung zu überlassen. TransFair argumentierte, dass die Einbindung großer Vertriebsstrukturen in erster Linie mehr Absatz für die Produzent*innen bedeute, was der Sinn und Zweck des Siegels sei. Die Einführung einer "fairen" Eigenmarke bei Aldi Süd einige Jahre später löste nicht mehr dasselbe Maß an Entrüstung innerhalb der Fair-Handels-Bewegung aus.

2008 wurde nach Recherchen von 500 Wissenschaftler*innen im Auftrag der Vereinten Nationen und der Weltbank der Weltagrarbericht "Wege aus der Hungerkrise" veröffentlicht. Die wichtige Erkenntnis des Berichts: Der ökologische Landbau, kombiniert mit kleinbäuerlichen Strukturen und Fairem Handel leisten einen bedeutsamen Beitrag für Ernährungssicherheit, sowie Hunger- und Armutsbekämpfung. Im gleichen Jahr bezog erstmals eine Faire Woche das Thema ökologischer Landbau mit in ihr Motto ein: "Doppelt gut! Bio im Fairen Handel".

2009 veröffentlichte der Anbauverband Naturland die Naturland Fairr-Richtlinien. Es wird für biologisch angebaute Lebensmittel vergeben, die aus allen Ländern weltweit - nach Bedingungen des Fairen Handels hergestellt - stammen können.

2010 lancierten der Weltladen-Dachverband und der Anbauverband Naturland eine mehrjährige Kampagne zum Thema: "Öko + Fair ernährt mehr!". Die Themen (ökologische) Landwirtschaft und Ernährungssicherung sind seither noch stärker in der Fair-Handels-Bewegung präsent. 2013 waren 69 % aller fair gehandelten Lebensmittel bio-zertifiziert, bei den Fair-Handels-Importeuren und in den Weltläden lag der Anteil sogar bei 77 %.

Seit 2012 nutzt die GEPA das Fairtrade-Siegel nicht mehr auf ihren Produkten (bis auf wenige Ausnahmen), beteiligt sich jedoch weiterhin am Kontrollsystem. Damit ist das Fairtrade-Siegel im Produktsortiment der Weltläden bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr präsent.

Seit 2014 können Produkte von Fair-Handels-Organisationen das Label Guaranteed Fair Trade der WFTO tragen.

Heute gibt es in Deutschland schätzungsweise mehr als 800 Weltläden und mehrere Tausend Fair-Handels-Gruppen, die die Bewegung des Fairen Handels stützen. Aus den sieben Gründungsmitgliedern des Weltladen-Dachverbandes sind bis Ende 2019 rund 450 Mitglieder geworden.

2018 betrug der Gesamtumsatz fair gehandelter Waren in Deutschland ca. 1,7 Milliarden Euro, was einer Verdoppelung des Umsatzes innerhalb von vier Jahren entspricht. Rund 80 % des Gesamtumsatzes entfiel auf Produkte mit dem Fairtrade-Siegel, die überwiegend in Supermärkten und in der Gastronomie erhältlich sind.

Geschätzt 100.000 ehrenamtlich Aktive machen den Fairen Handel heute zur größten entwicklungspolitischen Bewegung Deutschlands.


Zum Weiterlesen

2005_WL-DV_Generation Weltladen - 30 Jahre Weltladen-Bewegung in Deutschland.pdf

Quelle: Wiki-Artikel „Geschichte des Fairen Handels in Deutschland“ von Weltladen-Dachverband e.V. unter einer CC BY 4.0-Lizenz

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